Regionale Nachrichten

Mit WordPress gegen das Zeitungssterben

Regionale Zeitungen sind vom Aussterben bedroht und das schon seit rund 20 Jahren. Viele bekommen einen redaktionellen Mantel vorgegeben und können nur noch wenig Eigenes, Lokales beisteuern. Überregionale Zeitungen dagegen interessieren sich nicht für Nachrichten „aus der Provinz“. Aber auch hier leben Menschen, die gerne wissen würden, was im Umkreis von 20 Kilometern so passiert. Der Rheinneckarblog ist eine mögliche Antwort auf diese Sterben. Dahinter stecken Hardy Prothmann, der WordPress für seine journalistischen Zwecke entdeckt und nutzbar gemacht hat und 10 feste Redakteure. Mittlerweile gibt es 12 solcher regionaler Blogs und wir wollten wissen, welche Rolle WordPress dabei spielt.
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Von der regionalen News ins Internet

Der Rheinneckarblog berichtet über aktuelle News, aber auch viel über Kulturelles aus der Region. Was früher regionale Zeitungen druckten, wird heute hier online publiziert. Im Interview mit dem Gründer Hardy Prothmann wollten wir wissen, wie es zu der Idee kam und ob es auch ohne WordPress funktionieren würde.

Pressengers: Wie hat den alles angefangen, woher kam die Idee?

 „Ich war damals aus Bürgerperspektive ziemlich unzufrieden über die Berichterstattung einer lokalen Zeitung. Also habe ich beschlossen, als Journalist selber Recherchen anzustellen. Letztendlich kam ich zu anderen Ergebnissen als die Zeitung, aber wusste nicht so recht, wohin damit. Da ich mir sicher war, dass sie nirgendswo abgedruckt werden würden, habe ich mir andere Möglichkeiten überlegt und bin letztendlich bei blogger.de gelandet, einem freien Angebot zum Bloganlegen. Später ging es dann zu WordPress und Rheinneckarblog wurde der erste von 12 Blogs.“

Und wie fiel dann die Entscheidung auf WordPress als CMS? Welche Vor- und Nachteile seht ihr in der Software?

„Ich habe nach unterschiedlichen Möglichkeiten gegoogelt und mich mit allen Content Management Systemen ein bisschen beschäftigt. Typo3 zum Beispiel klang interessant, aber meine Kenntnisse dazu waren nicht umfangreich genug. Ich hatte keine Lust, erst mal programmieren zu lernen und wollte gleich online gehen. Es ging mir mehr um das Schreiben. Dass WordPress aufgrund seiner leichten Bedienung weltweit so erfolgreich ist, hat mich überzeugt.

Am Anfang war ich auch von der unglaublichen Anzahl an Plugins begeistert und habe ausprobiert so viel wie ging. Ich hatte 30 Plugins installiert, doch dann gemerkt, dass ich die meisten nicht brauche und sie wieder gelöscht. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Plugins problematisch sind: sie sind nicht gut programmiert, unstabil und sorgen dafür, dass WordPress abstürzt oder extrem langsam wird.“

Will man es dann doch etwas ausgefallener und mit eigenem Server, ist die Frage: will man auf Programmierer machen?

„Die Schlichtheit von WordPress ist natürlich auch ein Vorteil, gerade was die Bedienung angeht. Allerdings kann das auch ein Nachteil sein, kommt eben darauf an, was man will. Wir haben eine eigene WordPress Installation, die technische Basis ist das Genesis Framework und hosten bei Domain Factory.

Istlokal Medienservice.ug ist eine modifizierte WordPress Installation, die für unsere Bedürfnisse ideal ist. Wenn man selbst keine Programmierkenntnisse hat, ist man doch eingeschränkt. Gerade bei journalistischen Themes ist WordPress nicht leicht: sie sind oft mit Werbeeinbindungen versehen und deswegen nicht optimal. Außerdem hatten wir bereits Hacker Angriffe hinter uns, daher ist es immer wichtig, dass jemand Technisch versiertes mit hinten dran ist.“

Welches Theme nutzt ihr und wurden bereits andere ausprobiert? Welchen journalistischen Anspruch habt ihr an das Theme gestellt?

„Wir nutzen Genesis Framework. In dieser Form gibt es das nur bei uns und ist einmalig. Der Auswurf vorne auf dem Content ist individuell gestaltbar, außerdem ist es widgetbasiert. Das sind WordPress untypische Einstellungen: ich lasse Top-Themen über Widgets oben stehen, das geht mithilfe von Filter Funktionen. Dadurch haben wir kein starres Layout und die Seitenleiste verändern wir auch ständig.“

Bei der Galerie habt ihr euch für das beliebte NextGen Plugin entschieden. Wieso? Habt ihr auch andere ausprobiert?

Zukünftig wird Zeitung auch vermehrt mittels Tablet gelesen.

Zukünftig wird Zeitung auch vermehrt mittels Tablet gelesen.

„Wir haben uns direkt dafür entschieden, eben weil es das beliebteste ist. In den Anfangszeiten haben wir Bilderstrecken mit 30-50 Fotos in einer Galerie gemacht. So haben wir den Zeitungen eine lange Nase gestreckt, weil die das so nicht machen konnten. Aus redaktioneller Erfahrung wissen wir allerdings nun, dass Fotomotivstrecken mit mehr als 10-12 Bildern zu viel sind und die Leute ermüden. Interessante Motive sind wichtiger als die Menge. Läuft die Galerie dann im eigenen Pop-Up, ist es eine Browser-Frage, wie man dieses wieder schließen kann. Wir sprechen schließlich nicht nur junge Technik-Leute an, sondern auch mal die ältere Generation, die mit sowas auch überfordert sein kann, wenn sie nicht wissen, wie man die Pop-Ups wieder schließt. Deswegen finden wir das Pop-up-Prinzip eher problematisch und negativ. Bei umfangreichen Strecken machen wir die Bilder auch gerne direkt in die Artikel.“

Ihr bietet nicht nur lokalen Nachrichten eine Plattform, sondern auch lokalen Gewerbetreibenden eine Möglichkeit, um gezielt zu werben – wie viel Zukunftspotential seht ihr hier?

„Ein sehr großes, sonst würden wir das ja schließlich nicht machen. Bei großen Nachrichtenportalen ist es selbstverständlich, dass die großen Industrien wie Aldi, BMW oder irgendwelche großen Versicherungen das nutzen. Mittlerweile wird es auch für regionale Firmen immer interessanter und sie gehen schließlich dahin wo die Leute sind. Die Zielgruppe 60+ soll damit durchaus erreicht werden.“

Glaubt ihr, euer Projekt ist Vorreiter in Sachen lokaler Berichterstattung und in 10-15 Jahren wird es das flächendeckend in Deutschland geben?

„Viele haben uns nachgeahmt oder als Vorbild genommen, z.B. die Tegernseer Stimme. Jeder muss sein Gebiet und seine Strukturdaten an Menschen kennen und analysieren. Hinzu kommt, dass es seit der taz im Jahr 1978 keine Tageszeitungsgründung mehr gab – schon gar nicht im lokalen Bereich! Die Lokalzeitungen sterben, das ist kein Geheimnis. „Globales Dorf“ nehmen wir da gern als Schlagwort. Die Globalisierung bedeutet auch „global local“.

Und gerade die Leute, die wegziehen oder im Urlaub sind, können sich so auch weiterhin darüber informieren, was bei uns los ist. Gerade weil wir mittlerweile auch ein geräteunabhängiges Theme haben.“

Welche Rolle spielen dabei Anbieter wie WordPress? Erleichtern sie den Einstieg?

„Gerade wegen der Technik ist es so relevant. Ohne WordPress als einfach zu benutzende Software wäre die Entwicklung in dieser Hinsicht wesentlich langsamer und auch langweiliger. Hochprofessionelle Lösungen oder eigene programmierte Dinge wie die großen Verlage sie haben, können sich kleine lokale Zeitungen einfach nicht leisten. WordPress können viele Menschen nutzen und die Leute werden auch immer vertrauter damit. Usabilty ist wichtig.“

Wir danken recht herzlich für das ausführliche Interview und hier kommt ihr zum Blog!

 

Bilder: Everett Collection, shutterstock.com / Peshkova, shutterstock.com


Eilenna

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Die kreative Vielfalt von WordPress überzeugt mich. Am liebsten teste ich Plugins, deren Mehrwert im Detail liegt. Auf der Suche bin ich noch nach meinem Lieblingstheme...
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Kommentare zu "Mit WordPress gegen das Zeitungssterben"
  1. Peter Schmidt schrieb am 23. Juni 2014, um 11:42 Uhr:

    Passend zum Thema: http://heilbronnerkoepfe.wordpress.com/

    Auch die HST hat massiv Probleme

  2. Peter Grau schrieb am 18. Juli 2014, um 11:54 Uhr:

    Das wird alles nichts helfen. Schuld sind die Verleger oft selber! Interessant: https://deutscheverleger.wordpress.com/

  3. Sven Temel 22 schrieb am 21. August 2014, um 07:49 Uhr:

    Hardy Prothmann entschuldigt sich
    https://www.facebook.com/hardy.prothmann/posts/10152634060500489

    Ein Post eines Geläuterten, könnte man denken. Bezahlt hervorgeboben, damit es auch wirklich jeder liest. Wie rührend. Ja, so macht man es sich denkbar einfach. Nochmals schnell eine bewegende Erklärung, dann ab in den Urlaub nach Malle. Man könnte sich auch persönlich bei Ströbeles, einer Alexandra Philipps, all den anderen oder bei den zig Spendern entschuldigen, die bis heute auf den “Verein gegen Abmahnopfer” warten. Oder zumindest Richtigstellungen publizieren.

    Ja, aber so geht das natürlich auch. Mit einem gesponsorten Facebookpost. Ich glaub ihm kein Wort.

  4. INFO - Stadtgeschehen Lübeck schrieb am 20. Juli 2015, um 09:53 Uhr:

    […] zu dem was in dieser Stadt für die Menschen wichtig ist. Lesen Sie hier ein interessantes Interview mit Hardy Prothmann der als Vorreiter der neuen Online Zeitung Presse Systeme den Rhein Neckar Blog mittlerweile sehr […]

  5. […] zu dem was in dieser Stadt für die Menschen wichtig ist. Lesen Sie hier ein interessantes Interview mit Hardy Prothmann der als Vorreiter der neuen Online Zeitung Presse Systeme den Rhein Neckar Blog mittlerweile sehr […]

  6. Carsten Bornhöft schrieb am 20. Juli 2015, um 10:08 Uhr:

    Ein gutes Interview, welches Mut macht.

    Hier verlinkt und genannt.
    http://luebeck.stadtgeschehen.com/online-zeitung-presse/

    Grüße aus Lübeck

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